Sokrates und die Jugend
Ich bin über 30. Im Vergleich zur demographischen Entwicklung dieses Landes eigentlich noch ziemlich jung . Aber es gibt Momente, in denen ich mich furchtbar alt fühle. Zum Beispiel bei den Bildern bei Jappy, über die ich neulich erst berichtet habe. An die Auffassung von “Schön”und “Style” in Bildergalerien mit 30 Bilder in nahezu identischen Posen, dicken Lippen und verschmiertem Objektiven habe ich mich ja schon gewöhnt (ein Arbeitskollege hat mir neulich ein solches Bild weitergeleitet). Über umgedrehte Schirmmützen und Hosen, die in den Kniekehlen hängen, wunder ich mich auch nur noch selten. In den frühen 90ern gab es schon mal so was Ähliches. Da rannten zwei 12Jährige “Rapper”, die sich KrissKross nannten, in umgedrehten hängenden Hosen rum und revolutionierten (Revolution (lat.) = eine i.d.R. gewaltsame Veränderung der gegebenen Bedingungen) sowohl Musik, als auch guten Geschmack mit ihrem Video “Jump”.
Heute gibt es Rapper von Nord bis Süd und von Hellersdorf bis Oer-Erkenschwick (den Ort gibt es wirklich). Woran ich mich aber nicht gewöhnen kann ist die Sprache. Wenn er Sie “Bitch” oder zärtlich “meine Nutte” nennt und sie es dann auch noch süß findet, fragt man sich, ob die Leute nie im Lexikon nachgeschlagen haben. Ja, ich weiß, Lexika gibt es fast nicht mehr und alles wird gegoogelt. Andererseits wird den Leuten die Sprache von der deutschen Elite ja auch vor gelebt, wozu also Bücher? Gruppensex und Schmerzensschreie. „Gangsta-„ oder auch „Pornorap“ nennt sich z.B. die Musik von Bushido und seinen Rapper-Kollegen aus Berlin. „Gossenlyrik“ und „Ekel-HipHop“ spotten dagegen Kritiker.
Selbst der als harmlos geltende Dieter Bohlen hält “Bitch” als Bezeichnung für eine “DSDS-Kandidaten nicht für eine Beleidigung, “Hurensohn” ist Umgangssprache auf dem Pausenhof und Texte von selbsterkorenen Rappern verherrlichen Gewalt und Sexismus. Vielleicht hat der junge Mann, der mir neulich eine Mail schrieb, in der mir mitteilte, was er alles mit meiner Mutter machen wolle, einfach seine Anerkennung ausdrücken wollen? Welche Möglichkeiten haben also ältere Mitmenschen (vermutlich alles über 25) den Unterschied festzustellen, wann Sprache von witzig und knackig zu diskriminerend und verletzend kippt? Und die größte Frage: geht das irgendwann wieder weg bzw. haben Jugendliche eine Chance auf ein anderes Leben mit anderer Sprache?
Erst gestern wurde im Privatfernsehen wieder gezeigt, mit was für Vorstellungen und Zeugnissen sich einige Jugendliche um Ausbildungsplätze bemühen. Entweder lag es an der Auftretensweise oder an der Unlösbarkeit simpelster Aufgaben. Da diejenigen, die Stellen zu vergeben habe, jedoch meist keine Jugendliche mehr sind, wundert es auch nicht, dass die Kommunikation “leicht” gestört zu sein scheint und die Plätze oftmals leer bleiben.
Man stellt sich also die Frage, ob die Jugend tatsächlich so verroht und anders geworden ist, wie man an allen Ecken und Enden lesen und sehen kann. Sind Fälle, in denen Jugendliche Zivilcourage, Engagement oder Anstand beweisen, nur Ausnahmen?
Ich habe dazu etwas wieder gefunden, was ich schon vor einiger Zeit mal gelesen habe:
„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“
Jeder über 25 Jahre, der das liest, wird dem zweifelsfrei zustimmen. Erstaunlich jedoch ist, dass im Prinzip jeder damit gemeint war. Denn dem griechischen Philosophen Sokrates (469 bis 399 v.Chr.), dem diese Aussage zugeschrieben wird, erscheinen vielen Erwachsenen Jugendliche als unangepasst und ungehorsam.
“Die schlechte Jugend” hat es also immer gegeben und wir haben vermutlich aus den Augen anderer auch dazu gehört. So wie es Anständige und Asoziale in fast jeder Altersgruppe gibt. Der einzige Unterschied zu damals: die Medien haben auch den Bodensatz der Gesellschaft salonfähig gemacht. Es wäre also dringend wieder an der Zeit, dass nicht nur über mangelndes Sozialverhalten gesprochen oder viel mehr gelästert wird, sondern auch die Jugendlichen gezeigt und erwähnt werden, die nicht dem fatalen Bild der chancenlosen Jugend entsprechen. Denn es ist also nicht unbedingt immer die Jugend, die sich geändert hat. Vielleicht eher der Standpunkt eines jeden, der älter wird. Manchmal aber auch der Neid, denn wer würde es nicht gern wieder sein – so jung wie damals.
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